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Montenegro: Wem gehört die Küste?

Wem gehört die Küste bei Ulcinj – dem Staat, der Gemeinde, privaten Eigentümern oder denen, die dort Urlaub machen? Bei Velika Plaža ist die Antwort nicht mit einem einzigen Namen erledigt. Strand, staatliche Flächen, Grundstücke im Hinterland, öffentliche Wege und zeitlich begrenzte Nutzungsrechte sind verschiedene Dinge. Gerade deshalb ist die Debatte über neue Hotels und Ferienanlagen mehr als eine Frage des Baustils.

Velika Plaža bei Ulcinj Langer Sandstrand an der Küste von Ulcinj. Foto: miketnorton, CC BY 2.0.

Die lange Sandküste am südlichen Rand Montenegros ist ein wichtiger Erholungsraum und zugleich ein möglicher Standort für Investitionen. Entscheidend ist, wer über konkrete Flächen entscheidet, welche Zugänge offenbleiben und ob ein wirtschaftlicher Nutzen für die Menschen in Ulcinj verbindlich entsteht.

Ein Abkommen ist noch kein fertiges Resort

Die Regierungen Montenegros und der Vereinigten Arabischen Emirate unterzeichneten am 28. März 2025 Vereinbarungen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit sowie zu Tourismus und Immobilienentwicklung; die montenegrinische Regierung bestätigte den Termin in ihrer Mitteilung zur Kabinettssitzung. Das Parlament stimmte dem Tourismusabkommen zunächst im April zu. Präsident Jakov Milatović schickte das Ratifikationsgesetz zur erneuten Beratung zurück. Nach einer zweiten Abstimmung im Juni trat das Abkommen in Kraft, wie das Observatory on the Balkans and the Caucasus berichtet.

Ein zwischenstaatlicher Rahmen ist jedoch nicht dasselbe wie ein unterschriebener Pachtvertrag für jedes Grundstück, ein genehmigter Bebauungsplan oder eine erteilte Baugenehmigung. Auch eine Präsentation mit Hotels, Wohnungen und Infrastruktur beschreibt zunächst ein Vorhaben, nicht dessen gebauten Zustand. Das ist wichtig, weil frühe Meldungen teils sehr große Flächen und lange Laufzeiten nannten. Solche Angaben dürfen nicht als Beleg dafür gelesen werden, dass der gesamte Strand bereits übertragen oder verbaut wurde.

Die politische Auseinandersetzung begann nicht erst mit einem Bagger vor Ort. In Ulcinj und Podgorica gab es Proteste gegen die Vereinbarung und gegen fehlende Transparenz. Der Bericht von Balkan Insight über die Parlamentsdebatte dokumentiert sowohl die Kritik örtlicher Vertreter und Umweltgruppen als auch die Begründung der Regierung: Investitionen sollten Arbeitsplätze schaffen und die Entwicklung im Süden fördern. Der Investor Mohamed Alabbar stellte damals öffentlich begrünte Anlagen, niedrigere Gebäude, Beteiligung der Gemeinde und zugängliche Strände in Aussicht. Eine solche Absichtserklärung ist noch keine durchsetzbare Garantie.

Strand, Hinterland und Zugang unterscheiden

Bei Küstenprojekten können mehrere Rechts- und Nutzungsformen nebeneinanderliegen. Ein öffentlicher Strand kann von einem Unternehmen für Liegen, Gastronomie oder Wassersport zeitweise genutzt werden, ohne dass damit das Hinterland oder die gesamte Küste in dessen Eigentum übergeht. Umgekehrt bedeutet staatliches Eigentum an einem Grundstück nicht automatisch, dass jede Nutzung für Einwohner und Gäste dauerhaft kostenlos oder jederzeit möglich ist. Maßgeblich sind die genaue Parzelle, die geltenden Pläne, ein konkreter Vertrag und die Bedingungen für öffentliche Wege und Strandzugänge.

Auch „Pacht“ ist nicht gleich „Verkauf“. Eine lange Laufzeit kann einem Betreiber Planungssicherheit geben, aber sie bindet Fläche über mehrere Generationen und schränkt spätere Entscheidungen ein. Wer eine Vereinbarung beurteilt, sollte deshalb nach dem Lageplan, der Dauer, Kündigungs- und Kontrollmöglichkeiten, dem Umfang öffentlicher Infrastruktur und den Rechten der bestehenden Eigentümer fragen. Werden Grundstücke im Hinterland benötigt, ist zudem zu klären, ob sie freiwillig erworben, gepachtet oder in einem öffentlichen Verfahren behandelt werden sollen. Diese Unterschiede verschwinden leicht, wenn von „der Küste“ als einer einzigen Fläche gesprochen wird.

Arbeitsplätze sind ein mögliches Ergebnis, keine Verteilungsgarantie

Ein großes Vorhaben kann Aufträge für Bauunternehmen, Hotels, Restaurants und Verkehrsbetriebe schaffen. Es kann die Saison verlängern und Gästen zusätzliche Angebote machen. Doch die Zahl der Betten oder die Größe einer Investition sagt wenig darüber aus, wie viel Einkommen bei Beschäftigten und kleinen Betrieben in Ulcinj ankommt. Entscheidend sind Löhne, Arbeitszeiten, lokale Beschaffung, Ausbildungsplätze, Saisonverträge und die Frage, ob örtliche Unternehmen bei Lieferungen und Ausflügen tatsächlich mitwirken können.

Auch ein internationaler Betreiber kann lokale Firmen beauftragen; ein lokaler Eigentümer garantiert umgekehrt nicht automatisch faire Arbeitsbedingungen. Ein konkreter Vergleich fragt daher nach den Verträgen und Ergebnissen: Wie viele dauerhafte Stellen entstehen? Welche Qualifikation wird vermittelt? Wer betreibt Restaurants, Ausflüge und Wartung? Welche Gebühren erhält die Gemeinde? Und wer bezahlt Straßen, Wasser- und Abwasserleitungen, Müllabfuhr und Rettungsdienste? Im Beitrag über Wertschöpfung in der Urlaubsregion geht es darum, woran sich ein solcher Nutzen messen lässt.

Naturräume und Infrastruktur gehören in dieselbe Rechnung

Die Küste nahe der Bojana ist kein ungenutzter Leerraum. Fachleute und Umweltorganisationen verweisen auf Dünen, Feuchtgebiete und Lebensräume entlang der Küste und im Hinterland. Eine dichtere Bebauung kann Flächen versiegeln, Verkehrsaufkommen und Wasserbedarf erhöhen sowie Lebensräume zerschneiden. Wie schwer solche Folgen wiegen, hängt vom konkreten Standort und der Planung ab; eine pauschale Aussage über jeden Hotelbau wäre ebenso ungenau wie die Behauptung, ein „grünes“ Resort sei automatisch naturverträglich.

Vor einer Entscheidung braucht es deshalb belastbare Umweltprüfungen, veröffentlichte Pläne und eine verständliche Antwort auf die Infrastrukturfrage. In einer trockenen Hochsaison steigt der Wasserbedarf von Unterkünften und Haushalten gleichzeitig. Mehr Verkehr kann den Strandzugang erleichtern und zugleich Lärm und Abgase erhöhen. Abwasser und Abfall müssen auch dann bewältigt werden, wenn die Besucherzahlen stark schwanken. Entscheidend ist, ob Kapazitäten vor dem Bau gesichert sind und ob unabhängige Kontrollen die Auflagen überprüfen.

Was Reisende vor Ort beachten können

Wer Velika Plaža besucht, kann bei Unterkunft und Ausflügen nach lokalen Anbietern fragen, außerhalb der stärksten Wochen reisen und nicht nur den Übernachtungspreis, sondern auch Anreise, Wasserverbrauch und Mobilität berücksichtigen. Vor Ort lohnt die einfache Frage, welche Strandabschnitte frei zugänglich sind und wo eine gewerbliche Nutzung beginnt. Bei Buchungsversprechen zu Klimaneutralität oder Naturschutz hilft der Ratgeber zu Umwelt- und Klimaversprechen im Urlaub.

Vor allem sollten Besucher ein angekündigtes Projekt nicht mit dem heutigen Zustand verwechseln. Eine Pressekonferenz, ein Abkommen oder ein gezeigtes Architekturmodell sagt für sich allein nichts darüber aus, ob ein Hotel gebaut wird, wer ein Grundstück nutzt oder ob der freie Zugang geändert wurde. Für Anreise, Unterkunft und Saisonwahl hilft die Reiseplanung. Aktuelle lokale Hinweise und die tatsächlichen Wege am Strand sind verlässlicher als wiederholte Projektankündigungen.

Woran sich eine faire Entwicklung erkennen lässt

Es geht nicht um die Wahl zwischen Stillstand und maximaler Bebauung. Ein tragfähiger Kompromiss müsste offenlegen, welche Flächen betroffen sind, öffentliche Zugänge sichern, Umweltgrenzen verbindlich machen und lokale Vorteile messbar verteilen. Ebenso müssen Eigentümer, Gemeinde, Beschäftigte, kleine Betriebe und Naturschutzgruppen früh genug mitreden können, bevor wesentliche Entscheidungen feststehen.

Für Reisende bleibt die zentrale Frage: Wer trägt Kosten und Risiken, und wer kann die Vorteile nutzen? Die Grundlagen zu den Folgen des Tourismus helfen, wirtschaftliche Versprechen, Zugang und Umweltfolgen gemeinsam zu betrachten. Bei Velika Plaža lässt sich die Antwort nicht an einem Werbeslogan ablesen, sondern an konkreten Verträgen, offenen Plänen und daran, ob der Strand auch künftig für die Menschen vor Ort erreichbar bleibt.

Auch auf griechischen Inseln drehen sich Debatten um Liegen, Konzessionen und den Zugang zum Meer. Der Beitrag zu Strandzugang und Regeln in Griechenland ordnet den Protest von 2023 und die seitherigen Regelungen ein.

Für die Wahl von Reiseziel und Reisezeit bieten die Urlaubsideen und Reisearten weitere Anregungen.